Märkischer Sprecher Bochum vom Montag, 08.Juni 1903

 12. Westfäl. Feuerwehrfest

  “Der Sang ist verschollen, der Wein ist verraucht.” - Bochum ist der Schauplatz eines schönen Festes gewesen. Geradezu ausgezeichnet ist es verlaufen, das 12. Westfälische Feuerwehrverbandsfest, kein Mißton hat die Feier gestört. Zwar schien es erst, als ob der Himmel sein Alltagsgrau beibehalten, durch sein mürrisches Gesicht gewissermaßen kontrastieren wollte mit dem Freudentrubel in unserer Stadt. Doch schließlich konnte auch der Wettergott nicht griesgrämig bleiben beim Anblick all der fröhlichen Mienen und so setzte auch er ein heiteres Lächeln auf, das besonders gestern, am eigentlichen Festtage, sich wiederspiegelte auf den Gesichtern und den blankgeputzten Helmen der Feuerwehrleute von nah und fern. Die Schmückung der Straßen hatte bis Samstag Abend noch große Fortschritte gemacht, fast an allen Häusern bemerkte man Tannengirlanden, zwischen deren dunklem Grün hin und wieder bunte Blumen oder flatternde Fähnchen hervorlugten. So waren auch äußerlich alle Bedingungen erfüllt, welche ein Fest zu einem vollkommen gelungenen machen.

 Delegiertentag

 Gegen 4 Uhr wurde im Stadttheatersaale der Delegiertentag von dem Verbandsvorsitzenden Herrn Stadtbaumeister Modersohn-Unna eröffnet. Herr Regierungsrath Dr. Tull aus Münster begrüßte im Namen der Provinzialbehörden die zahlreich besuchte Versammlung. Sodann entbot Herr Erster Bürgermeister Graff den auswärtigen Gästen den Willkommensgruß der Stadt Bochum. Er begrüßte die Delegirten doppelt herzlich, da ja mit dem Verbandstag das Fest des 40jährigen Bestehens der Bochumer Wehr zusammenfalle. In diesen vierzig Jahren habe die Wehr manches Beispiel von Muth und Entschlossenheit gegeben; wo ihr Eingreifen und ihre Hülfe von Nöthen war, sei sie stets auf dem Platze gewesen, das wisse auch unsere Bürgerschaft zu schätzen, die der Feuerwehr große Sympathie entgegen bringe. Das sei besonders begreiflich in einer Stadt, wo Mummenhoff gewirkt habe für die edle Sache treuer Nächstenliebe. Er hoffe, daß das Verbandsfest zur Stärkung des Bewußtseins der Zusammengehörigkeit beitragen werde. Die Ehrenforten und der Schmuck der Straßen seien ein Beweis, wie freudig die Bürgerschaft das Fest begrüße. Der Herr Erste Bürgermeister schloß unter Bravorufen mit einem “herzlichen Willkommen und Glückauf zum Verbandsfeste”. Herr Stadtbaumeister Modersohn dankte für den herzlichen Empfang und die gastfreundliche Aufnahme, die er und seine Kameraden in Bochum gefunden haben, und sprach die Hoffnung aus, daß das Fest in allen Theilen gut verlaufen werde. Herr Küppers.-Barmen überbrachte im Auftrage des Rheinischen Verbandes die herzlichen Glückwünsche.

 In den geschäftlichen Theil eintretend, bat Herr Modersohn im Namen des Verbandsausschusses, darauf zu achten, daß beim Festzuge in der Nähe der Kirchen keine Musik gemacht werde. Verschiedene Gesuche um die Auszeichnung für 25 jährige Mitgliedschaft müssen unberücksichtigt bleiben, da die Gesuche zu spät eingereicht sind. Wegen der großen Kosten sind immer nur wenige Abzeichen und Diplome vorräthig, deren Anfertigung auch eine verhältnismäßig lange Zeit in Anspruch nimmt. Wer in Zukunft rechtzeitig im Besitz der Auszeichnung sein will, muß bis spätestens zum 1. Mai sein Gesuch eingereicht haben. An manchen Orten werden die Feuerwehrleute städtischerseits dekorirt. Hierbei bittet man, darauf zu achten, daß die Dekorationen nicht die Form der Verbandsabzeichen haben. Nach einem neuerlichen Ministerialerlaß ist es unzulässig, die Münzen an einem schwarz=weiß=rothen Bande zu tragen, weil dadurch eine Verwechselung mit einer staatlichen Dekoration hervorgerufen werden kann. Deshalb wird die Münze in Zukunft an einem Wappenschilde mit dem Wappen von Westfalen getragen. Diejenigen Mitglieder, die bereits im Besitz des Abzeichens sind, erhalten das Wappenschild auf Kosten des Verbandes nachgeliefert, damit Einheitlichkeit herrscht. In diesem Jahre erhielten Abzeichen: Beckum 26, Börde 5, Kamen 2, Schwelm 2, Sprockhövel 2, Hattingen 2, Recklinghausen 8, Gelsenkirchen 3, Langerfeld 1, Hamm 1, Castro 1, Herne 3, Brackel 3, Hörde 3, Eickel 3, Langendreer 3, Ibbenbüren 11, Blankenstein 1, Wetter 2, Herten 5, Lüdenscheid 6, Annen 8, Burgsteinfurt 21, Altona 1, Münster 3, Unna 2, Werne 2, Bielefeld 2, Schwerte 11. Herr Modersohn wünschte den Jubilaren Glück und brachte ein dreimaliges Hoch auf sie aus. Herr Oberschulte=Beckmann dankte im Namen der Jubilare. Herr Hermann Franken=Schalke sprach über das Versicherungswesen der Feuerwehr. Es müsse für die Versicherung der Wehrleute ein Gesetz geschaffen werden, ähnlich dem Invalidengesetz. Er habe in seiner Thätigkeit als Mitglied des Reichstages auf die Erreichung dieses Zieles hingewirkt und hoffe, daß dasselbe von dem neuen Reichstage ernstlich im Auge behalten werde. Aus dem Geschäftsbericht geht hervor, daß die alte Münstersche Feuerversicherung auch in diesem Jahre der Verbandskasse einen Betrag von 300 Mark zugewiesen hat. Nach der Rechnungsprüfung wird dem Rendanten Entlastung erteilt. Die Rechnungsprüfer werden wiedergewählt. Den Hauptpunkt der Behand-lungen bildete der Abschluß einer Haftpflichtversicherung. Derselbe geschieht mit der “Wilhelma”-Magdeburg für 5 Pfg. pro Kopf und Jahr auf Kosten des Verbandes. Ausgenommen sind vorläufig die Wehren Recklinghausen, Annen, Horst=Ruhr und Burgsteinfurt, die bereits gegen die Haftpflicht versichert sind.

Es soll dahin gewirkt werden, daß die einzelnen Gemeindevertretungen die Kosten der Versicherung über-nehmen. Der Abdruck des Vertrages wird jedem Wehrvorstand zugehen. Die “Wilhelma” verpflichtet sich bei Personenschaden zu unbegrenzter, bei Sachschaden zu einer Haftpflicht von 10-10000 Mark. Der ständige Uebungsausschuß wurde um sechs Mitglieder vergrößert, die die Uebungen in Bochum zu überwachen haben. Diedrei Mitglieder des Verbandsausschusses wurden wieder gewählt. Der Verein Paderborn lud für 1905 die Wehren zum Verbandstag nach Paderborn, da dann die dortige Wehr das Fest des 25jährigen Bestehens begehe. An dem internationalen Feuerverhütungskongreß in London am 5. und 6. Juli wird der Vorsitzende und ein Mitglied des preußischen Feuerwehrverbandsausschusses theilnehmen. Zur Bestreitung der Unkosten hat der Herr Minister des Inneren 1000 Mark gestiftet. Mit einem Hoch auf den Verbandsvorsitzenden wurde die Delegiertensitzung geschlossen.

An die Delegirtensitzung schloß sich Abends ein Festmahl im Viktoriasaal, bei welchem Herr Regierungsrath Dr. Tull den Kaisertoast ausbrachte. Herr Erster Bürgermeister Graff begrüßte als Ehrenmitglied der Bochumer Wehr die Gäste, erinnerte an das Kaiserwort: daß man die Traditionen pflegen solle, ging auf die Geschichte der Wehr und des Verbandes ein und gedachte des verstorbenen Chefs der Wehr, Wilhelm Mummenhoff, und ihres Mitbegründers, des Herrn Gustav Adolf Fricke. Die Rede klang aus mit einem Hoch auf die Feuerwehrsache. Namens des Verbandes dankte der 2. Vorsitzende, Herr Herm. Franken=Schalke für den freundlichen Empfang. Er widmete seinen Gruß den Behörden und der Bürgerschaft Bochums. Nach einem von Frl. Rüdiger wirkungs-voll vorgetragenen Prolog hob sich der Vorhang und es zeigte sich ein vom Bochumer Damen=Turnverein gestelltes lebendes Bild, dem ein von den Damen aufgeführter Blumenreigen folgte. Eine schöne Ueberraschung wurde den Theilnehmern geboten, als, umrahmt von einem prächtigen Blattpflanzen=Arrangement, auf der Bühne die von Herrn Wollner lebenswahr modellierte Büste des verstorbenen Wilhelm Mummenhoff sichtbar ward. Namens der Familie dankten für diese sinnige Ehrung ihres heimgegangenen Vaters die Herren Rechtsanwalt Dr. Mummenhoff und Kaufmann Jul. Mummenhoff mit Toasten auf die Freiwillige Feuerwehr und die Bürgerschaft. Die Damen boten weitere Reigenspiele und der Lehrergesangverein sang unter Herrn Lennings Leitung einen Chor. Den Gästen und den Mitwirkenden sprach der Chef der hiesigen Wehr Herr W. Velten Dank und Anerkennung aus. Herr Bürgermeister Dr. Großmann gedachte der Festkommission und der Ausschüsse, Herr Verbandvorsitzender Modersohn den Damen und der Sänger, die zur Verschönerung des Abends wesentlich beigetragen hatten. An den Kaiser wurde ein Huldigungstelegramm abgesandt.

Der Hauptfesttag

Schon lange vor Beginn des Festzuges konnte man am Sonntag Morgen die auswärtigen Wehren von allen Seiten heranmarschiren sehen, meist zogen sie unter klingendem Spiel und in strammen Reihen, kräftige, kernige Gestalten. 140 Vereine mit ca. 6000 Mitgliedern betheiligten sich an dem Festzuge, der sich in vier Treffen vom Kaiser Friedrichplatz durch die Hauptstraßen der Stadt bewegte und dann auf dem Moltkeplatz Aufstellung nahm. Der Vorbeimarsch des stattlichen Zuges dauerte 55 Minuten. Auf dem Moltkeplatz verlas Herr Verbandsvorsitzender Modersohn=Unna ein aus dem Zivilkabinett des Kaisers eingetroffenes Danktelegramm. Herr Modersohn forderte auf, dem Kaiser allezeit Treue zu halten und immer den patriotischen Sinn in der Feuer-wehr zu stärken und zu festigen. Er schloß mit einem Hoch auf Se. Majestät, das lebhaften Widerhall fand und in die Absingung des “Heil dir im Siegerkranz” ausklang. Herr Erster Bürgermeister Gtaff hieß die Gäste herzlich willkommen. Die städtischen Behörden und auch die Bochumer Bürger bringen der Feuerwehr das größte Interesse entgegen, sie seien ihr in Liebe und Dankbarkeit zugethan, das beweise auch der reiche Schmuck der Straßen. Besonders in Bochum sei die Feuerwehr stets mit dem größten Muth und mit bestem Geschick vorgegangen, das sei auch nicht anders möglich in einer Stadt, wo ein Wilhelm Mummenhoff an der Spitze der Wehr gestanden und sie mit Umsicht und Scharfblick geleitet habe. Im Namen der städtischen Behörden und der Bürgerschaft bringe er der Bochumer Wehr zum Jubelfeste die herzlichsten Glückwünsche und den Dank entgegen, dem westfälischen Verbande aber wünsche er eine weitere gedeihliche Entwicklung. Ein dreifaches Hoch auf den Verband endete die begeisterte Ansprache. Herr Modersohn sprach für die herzlichen Worte des Herrn Ersten Bürgermeisters und für den großartigen Empfang den Dank der auswärtigen Wehren aus. Gerade Bochum, sagte er, sei mit der Feuerwehrsache eng verwachsen, von hier seien viele Reformen ausgegangen, die die Feuerwehren Rheinlands und Westfalens sich zum Vorbild genommen haben. Dies alles sei haupt-sächlich dem Manne zu verdanken, den man heute mit der Niederlegung eines Kranzes an seiner Gruft geehrt habe: Wilhelm Mummenhoff. Er beglückwünsche die Stadt zu ihrer ausgezeichneten Wehr und bitte die Anwesenden mit ihm einzustimmen in den Ruf: “Die Stadt Bochum und die Bochumer Freiwillige Feuerwehr, sie leben hoch!”  

Es folgten nun Uebungen unserer Wehr, die mit größter Exaktheit ausgeführt wurden und allgemeinen Beifall fanden. Den Glanzpunkt der Darbietungen bot ein Sturmangriff, der mit ungeheurer Fixigkeit vor sich ging. Als aus vier Schläuchen zu gleicher Zeit Wasserstrahlen entsandt wurden, zogen die zahlreich auf den Dächern der umliegenden Häuser sitzenden Schaulustigen sich vor dem nassen Element schleunigst zurück. Die Uebung legte Zeugnis ab von der Schulung und Tüchtigkeit unserer Wehr, auf die Bochum stolz sein kann.

Nachmittags um 4 Uhr begann in den Anlagen des Schützenhofes ein Festkonzert der städtischen Kapelle. In den Pausen wurden prächtige Reigen von Damen und der “Turnerfeuerwehr” aufgeführt, um die sich die Herren Oberturnlehrer Walde und Turnwart Appelt verdient machten. Der Schützenhof war während des ganzen Nach-mittags ein buntbewegter Volksfestplatz. Auf der Wiese hinter dem Saale hatte die Turn= und Feuerwehr-geräthe=Fabrik von Meyer in Hagen eine sehenswerte Ausstellung ihrer Fabrikate veranstaltet, die bei den Fachleuten viel Beachtung fand. Ein glänzender Festball bildete den schönen Ausklang des Festes. In den späteren Abendstunden begannen die auswärtigen Wehren abzurücken und auf den Bahnhöfen entwickelte sich wieder das lebhafte Bild wie in den Frühstunden. Noch einmal setzten die Kapellen zu einer Abschiedsweise ein, noch einmal ein herzliches Händeschütteln mit alten und neuen Freunden - dann führten die Züge die Festtheil-nehmer ihrer Heimath zu. Das 12. Verbandsfest hat in allen Theilen unter einem guten Stern gestanden, die Vorbereitungen sicherten ein volles Gelingen. So war denn die Stimmung bis zum Schluß eine vortreffliche und unzähligen Aeußerungen konnten wir mit vaterländischem Stolz entnehmen, daß allen unseren Gästen die Tagung in Bochum wohlgefallen hat.

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